Anhang 9.5
Spezial-Report Thomas Noll:
Semiotics@EncycloSpace

9.5.2 Semiotische Theorie der Hypertexte

Hypertexte sind per se keine semiotisch interessanten Gegenstände, da ihre Verweisstrukturen beliebig sein können. Klassische Textsorten wie Erzählungen, Beschreibungen und Argumentationen gewinnen ihre reiche Bedeutungsstruktur durch eine motivierte Organisation der Reihenfolge von Textbestandteilen. Für Erzähltexte ist geradezu typisch, daß bestimmte Bestandteile unter keinen Umständen ausgetauscht werden dürfen. Die Leistungen der Textlinguistik bestehen gerade darin, daß sie Textsorten durch ihre intratextuellen syntaktischen und semantischen Beziehungen charakterisieren konnte. In einer empirischen Studie von Lydia Plowman (1994) zum Einsatz interaktiver Medien im pädagogischen Bereich wurden klare Mängel im Vergleich zu traditionellen Erzählstrukturen deutlich. Die semiotisch interessante Frage lautet daher: Wie sollen kohärente Hypertexte aussehen und wie kann man sie klassifizieren?

Der vorliegende Abschnitt dokumentiert einen speziellen Ansatz zur Analyse und Gestaltung von Hypertexten, wie er im Kontext der Computersemiotik formuliert worden ist. Für Hypertexte ist trivialerweise charakteristisch, daß sie nicht über die lineare Anorndung eines Erzähltextes verfügen. Über Verweise ( links ) kann man von bestimmten Teilen des Hypertexts (seinen Knoten oder nodes ) aus mehrere andere Teile erreichen. Das Diagramm zeigt die Textstruktur eine Hypertextes mit 4 Knoten und 4 Verweisen..

Peter B. Andersen und Peter Ohrstrom (1994) legen einen interssanten Ansatz zur semiotischen Analyse und Gestaltung von Hypertexten vor, welcher im folgenden vorgestellt wird. Die Autoren beschreiben den Hypertext "als ein elastisches Medium, das während des Lesens seinen Charakter verändert -- Verweise und Knoten können kommen und gehen." (Anderson & Ohrstrom 1994: 58).

Zunächst gehen die beiden Autoren auch von einem Hypertextbegriff aus, wie er oben eingeführt wurde: als eine Verweisrelation L auf einer Knotenmenge N. Formal ist also ein Hypertext ein geordnetes Paar H = <N, L>. Die Knoten der Menge N können sowohl Text als auch graphisches Material etc. enthalten. Wesentlich ist aber dann ihre dynamische Sicht, nach der sowohl in den Mengen der Knoten N als auch der Verweise L ständig Änderungen vor sich gehen können.

Ein Hypertext-Augenblicksbild (x i, H i) besteht aus einem Hypertext H iund einem ausgewählten Knoten x iaus seiner Knotenmenge. Ein dynamisches Hypertext-System ist dann als eine Menge von Hypertext-Augenblicksbildern definiert. Sinn dieser Definitionen ist es, eine geeignete Begrifflichkeit für das Studium von Leseprozessen in Hypertexten in der Hand zu haben.

Formal kann man eine Lesung in einem dynamischen Hypertext-System mit dem Anfangszustand (x 1, H 1) als eine endliche geordnete Folge von Hypertext-Augenblicksbildern p= <(x 1, H 1),..., (x n, H n)> ansehen mit der Eigenschaft, daß die geordneten Knotenpaare <x i, x i+1 > jeweils zu den "erlaubten" Verweisen von H igehören. Die Lesungen werden auch als generalisierte Zustände bezeichnet. Auf diesen werden sogenannte Next-Operatoren betrachtet, die jedem generalisierten Zustand peinen neuen Zustand p+ (x,H) zuordnen, indem sie ein Hypertext-Augenblicksbild anhängen.

Die Next-Operatoren spielen ihrerseits eine wichtige Rolle bei der Einführung einer Zeitlogik, die die Autoren mit dem Begriff der Hyperzeit verbinden. Das Repertoire der Zeitoperatoren umfaßt einen Vergangenheitsoperator und drei Zukunftsoperatoren: mögliche Zukunft, Zukunft und notwendige Zukunft.

Fazit: Die Autoren vertreten die Meinung, daß sich die Eigenschaften größerer Hypertextsysteme vor diesem zeitlogischen Hintergrund unter Einschluß semantischer und beweistechnischer Mittel automatisch kontrollieren lassen. Da zunehmend auch Ton- und Bilddokumente Einzug in die Welt der Hypertexte halten, räumen sie ein, daß auch kontinuierliche Zeitlogiken in Betracht zu ziehen sind.

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