5.2 Potenzierung der Navigationsinstrumente

5.2.2 Jenseits des Textes: Visuelle, auditorische und gestische Paradigmen

Der Übergang von traditionellen Hypertexten als Verweisbäumen von Textdokumenten zu den (elektronischen) Hypermedien vollzieht sich wie in 2.2.1 erläutert insbesondere durch die Möglichkeit, nun statt Texten an den Verweisknoten beliebige Dokumenttypen -- Texte, Bilder, Töne, Bewegtgraphiken, Videos -- zu plazieren. Damit ist eine nichtsprachliche Semiotik gefordert, die sich des Problems anzunehmen hat, was es bedeutet, auf ein Bild, einen Klang, eine Geste zu verweisen und -- umgekehrt -- von einem Bild, einem Klang, einer Geste aus irgendwohin zu verweisen. Diese Fragen sind weit davon, gelöst zu sein, entsprechende Anmerkungen sehe man in Anhang 9.5 nach. Aber es ist evident, dass gewisse Bedeutungsschichten von Gewusstem textlich nicht erfasst werden können.

Beispielsweise haben komplexe Sachverhalte der Geometrie resp. der Musik eine visuelle resp. auditorische Evidenz, die durch Algebraisierung resp. verbale Analyse textuell zwar formuliert werden können, allerdings ohne die Evidenz mit zu übernehmen. Geometrie ist denn seit Descartes vollkommen in Texten der Algebraischen Geometrie formulierbar, aber es wird umgekehrt von einem Verständnis geometrischer Sachverhalte unter Berufsmathematikern oft erst dann gesprochen, wenn die Algebraisierung in der geometrischen Visualisierung evident gemacht ist.

Im Zusammenhang mit Hypermedien geht es nicht nur um Nachweis oder Beweis, sondern um Verstehen, und das ist ein ganz anderes, nämlich ein semantisches Problem. Offenbar können nicht-textliche hypermediale Dokumentknoten durch gezielten Zugriff auf spezifische Bedeutungsebenen einen Begriff von Dingen verleihen, der dem Text ungleich schwerer fällt oder ganz verschlossen ist. Diese Einsicht verleiht der hypermedialen Navigation Möglichkeiten, welche die Restriktion auf Textknoten als künstlich, ineffizient und träge erscheinen lassen. Die Entwicklung visueller Sprachen im Bereich der Programmierung [15], [45] und der Wissensdarstellung ( Bild 15) ist ein Beleg für diese Entwicklung.

Es ergeben sich in diesem Zusammenhang folgende Forschungsthemen:

Gerade das dritte dieser Themen ist fundamental für Begriffsanalyse überhaupt, denn der Verweis ist als "semiotisches Atom" (Elementarbegriff der Zeichentheorie [131]) gestischer Natur. Wenn man die Oberfläche von Hypermedien betrachtet, sind Knöpfe und deren Aktivierung durch die Computermaus in der Tat eine allgegenwärtige Verwirklichung des gestischen Charakters eines Verweises!

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