4.6 Bibliothekswissenschaften

Es ist offensichtlich, dass die Bibliothekswissenschaften sich in die Reorganisation des Wissensraumes genuin einbringen müssen. In Europa zögert man noch sichtbar in der fundamentalen Restrukturierung des Bibliothekswesens [26]. So wurde z.B. vor kurzem ein SNF-Forschungsgesuch zum Répertoire International des Sources Musicales (RISM, weltweit 160'000 Werknachweise zu 8'000 Komponisten), das für das Internet aufbereitet werden soll, abgelehnt. Ebenso wurde mit einer für das Internet geplanten Ausarbeitung des aktuellen Standes der "Computational Musicology" als Hypermedia-Dokument verfahren: Der Nationalfonds scheint noch nicht realisiert zu haben, dass Wissenschaft ganz substantiell eine Frage der Verfügbarkeit von repräsentativen Hypermedia-Dokumenten ist.

Im Gegensatz dazu sind in den USA eindrucksvolle Verbund-Projekte in die Wege geleitet zur Realisierung von Arbeitsumgebungen von riesigen digitalen Bibliotheken. Zu nennen sind insbesondere die sechs folgenden, jährlich mit insgesamt 1 Million $ staatlich geförderten Projekte der "Digital Library Initiative" (DLI, Bild 11):

Nähere Informationen erhält man über [60], Historisches dazu über [80]. Es scheint, dass die Initiative und das Bewusstsein für eine elektronifizierte Speicherung des Weltwissens in den USA massgeblich durch die berühmte Programmschrift von 1945 "As We may Think" von Vannevar Bush zurückgeht, worin der damalige Director des "Office of Scientific Research and Development" die wissenschaftlichen Anstrengungen nach dem 2. Weltkrieg auf die Realisierung einer enzyklopädischen Apparatur mit dem Namen "memex" fokussiert: "A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory." Diese Vorwegnahme des EncycloSpace, welche mit Hilfe von Mikro-Filmen die Aufgabe des heutigen Computers lösen sollte, kann als Zwischenstufe jener Entwicklung verstanden werden, die wir anfangs ( 2.1) mit den mechanischen Schachtelkästen im Geist von Lullus und Kircher beschrieben haben. Wir kommen in 5.2.5 auf inhaltliche Aspekte des DLI-Projekts zurück.

Für die wissenschaftliche Publikationspolitik ist es aber wesentlich, schon heute Weichen zu stellen, damit die Arbeiten von der Semesterarbeit bis zum Fachbuch alle dem globalen Informations- und Wissensfluss zugänglich sind, und das in einer Form, die rechtlich, finanziell und organistorisch durchdacht ist. Es dürfte für die Schweizer Planung von elektronischen Publikationsformen im Hochschulbereich von Nutzen sein, diesbezüglich fortge-schrittenere Anstrengungen -- z.B. am Bibliotheksinstitut der Humboldt-Universität [146] -- zu konsultieren.

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