2.3 Revision des
Wissenschaftsbegriffs

2.3.3 Wissen und Können: die Frage der Kompetenz

Die operationelle Luhmannsche Wissens-Spezifikation unter dem Stichwort von Zugreifbarkeit hat nicht geringe Folgen für die Qualifikation der Kompetenz von Wissenschaftlern: Sie müssen imstand sein, eine Referenz zu Information nicht nur zu behaupten, sondern auch auf dieselbe zuzugreifen. Die Interaktion mit dem Corpus des Wissens muss also effektiv geleistet werden können. Das scheint zunächst eine traditionelle Kompetenz zu bezeichnen, erweist sich aber unter den veränderten Bedingungen operationeller Werkzeuge durchaus als dramatische Verschiebung von betrachtendem, passivem Wissen zu eingreifendem, aktivem Können.

Eine derartige Verschiebung hat sich seit dem konstruktiven, 'antiplatonischen' Ansatz des Intuitionismus von Richard Brower in der Mathematik immer deutlicher auch in der Zunahme algorithmischer Projekte und Stellenbeschreibungen in der reinen Mathematik, ferner in der Computeralgebra und im Aufkommen von computergestützten Beweisverfahren gezeigt, siehe dazu etwa [25], [90]. Man erkennt sie aber auch in einer nachgerade dramatischen Spaltung in der Musikwissenschaft, wo eine in leeren Begriffshülsen verpackte Metaphorik (siehe dazu [119], [127]) einer immer stärker ausgeprägten, auf konkreter Einlösung von Begriffen (etwa musikalischer Analyse oder Interpretation) drängenden Computational Musicology gegenübersteht, siehe 7.1 für Einzelheiten dieser Entwicklung. Entsprechende Entwicklungen sind auch in der Linguistik oder in der Philosophie zu beobachten, wir kommen darauf in Abschnitt 4zurück.

Wir hatten schon im Abschnitt 1.3, Fallstudie 2, von der effektiven Einlösung von begriffener Information gesprochen: Die Zentralperspektive und die Darstellung des Bramante-Sterns waren dort in ihrer ganzen Tiefenstruktur zu "begreifen", der nicht-vollzogene Verweis auf das Zeichen des Sterns hatte in der Raffael-Literatur Verständnisdefekte erzeugt, de facto aus einer Inkompetenz aktiven Könnens heraus. Es scheint, dass das Diktum unter Informatikern, die begriffliche Durchdringung einer Theorie sei erst dann nachgewiesen, wenn man sie auch programmieren könne, immer öfter zum Prüfstein exakten Denkens werden könnte.

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